Captain Fantastic


Herzerwärmender Road-Trip der bittersüßen Art: Nach dem Tod seiner Frau wagt sich die in der Wildnis lebende Familie von Aussteiger Ben (Viggo Mortensen) erstmals in die Zivilisation.

Cola. Christen. Zwei böse Wörter mit „C“ – sowas gibt‘s in der Familie von Ben nicht. Der Aussteiger aus Überzeugung lebt mit seinen sechs Kindern abgeschottet von der Welt in einem Wald im Nordwesten. Aber nicht wie die verlotterten Robinson-Crusoes: Gute Ausbildung und Erziehung stehen für Papa an erster Stelle, nicht nur in praktischen Belangen. Ein Eichhörnchen jagen und ausnehmen kann schon seine Jüngste, genauso wie angeregt über Marx oder die Verfassung diskutieren oder in der Steilwand kraxeln. Die selbstgewählte Idylle könnte perfekt sein, wäre da nicht Mama. Die psychisch kranke Leslie hat sich während eines längeren Klinik-Aufenthalts das Leben genommen. Zeit, die Zelte abzubrechen, ihr die letzte Ehre zu erweisen und ihren letzten Willen durchzusetzen. Als Buddhistin möchte sie verbrannt werden, ihre Asche soll in einer öffentlichen Toilette runtergespült werden. Upps. Das dürfte Leslies Eltern nicht gefallen. Wohlhabende, erzkonservative Leute, denen Ben seit jeher ein Dorn im Auge ist. Schwiegervater Jack hat ihn schon telefonisch vorgewarnt, bloß nicht zur Beerdigung zu kommen. Als wenn sich Freidenker davon abhalten ließen! In ihrem umgebauten alten Schulbus startet die Familie zu einem Road-Trip ins Ungewisse – denn für die Kids ist es der erste Ausflug in das „zivilisierte“ Amerika da draußen.

Zurück-zur-Natur-Wahn à la „Into The Wild“ trifft auf Anarcho-Familienspaß der Marke „Little Miss Sunshine“: eine frische Idee, die Serien-Experte Matt Ross („Silicon Valley“) mit viel Schwung und Herzblut umzusetzen weiß. Kleine Aussetzer inklusive: Der Heiratsantrag des Ältesten an eine Camping-Bekanntschaft ist für alle Beteiligten (inklusive Zuschauer) eine peinliche Nummer, die von einer Vielzahl treffsicherer Gags und Wohlfühlmomente aber locker wieder ausgebügelt wird. Etwa wenn die Truppe lästige Cops (ausgerechnet) mit christlichen Freudengesängen aus dem Bus treibt oder einen Heist-mäßigen Ladendiebstahl im Supermarkt hinlegt. Zwischen dem komödiantischen Treiben bleibt dabei viel Raum für dramatische Untertöne aus der moralischen Grauzone. Papa Ben ist nämlich alles andere als ein strahlendes Vorbild, sondern erweist sich in seiner idealistischen Verschrobenheit mitunter als arroganter Kotzbrocken, der mit fragwürdigen Erziehungsmethoden das Leben seiner Kinder in Gefahr bringt. Der unbequeme Außenseiterzausel ist eine absolute Paraderolle für „Aragorn“-Darsteller Viggo Mortenson, aber auch der Rest seiner Leinwandsippe braucht sich nicht zu verstecken: Jedes der sechs Kinder bleibt mit eigenen Ecken und Kanten beim Zuschauer hängen, genauso wie die starken Nebenrollen bis hin zum großartigen Frank Langella („Frost/Nixon“) als grimmigem Schwiegervater.

OT: Captain Fantastic, USA 2016 R: Matt Ross D: Viggo Mortensen, George MacKay, Samantha Isler, Annalise Basso, Nicholas Hamilton, Steve Zahn, Frank Langella, Anne Dowd, Missi Pyle FSK: 12 Jahre L: 115 Minuten Anbieter: Universum

Ab 27. Dezember 2016 auf DVD und Blu-ray

4

Fazit

Viggo Mortenson und seine famose Filmfamilie balancieren (meist) gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Culture Clash und Familientragödie

Trailer

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