Deadpool (Kino)


Vom Krebs befreit und jetzt erfüllt von Dankbarkeit und Demut? Legt euch gehackt! Ryan Reynolds verpasst dem Bild des rechtschaffenen Superhelden einen kräftigen Arschtritt.

Es gab eine Zeit, da war der durchgeknallte Kerl im roten Ganzkörperkondom noch ein ganz normaler Typ. Jedenfalls beinahe. Abgesehen von seinem seltsamen Job, einem Mix aus Privatdetektiv und Söldner. Und seinem Scheißpech: In der Blüte seiner Jahre fressen sich die Metastasten durch Leber, Lunge,  Prostata, Hirn. Und nun? Schulmedizin am Ende, null Hoffnung, Krebsdrama, Tränen, alle wachsen bis zum Abspann an dieser tollen Erfahrung. Nix da: Ein komischer Anzugträger Marke Agent Smith lässt anklingen, dass er ihm helfen könne. So landet Wade Wilson (Reynolds) als Freiwilliger bei einem gefährlichen Experiment. Der irre Ajax (Ed Skrein aus „Game Of Thrones“), der – cooler Running-Gag! – nicht Francis genannt werden will, nimmt den früheren Special-Forces-Mann in seinem versifften Labor mit folterkellersadistischen Methoden in die Mangel. Das Mutationsmartyrium gelingt, Wade entwickelt übermenschliche Sofortheilungskräfte. Krebs weg, aber eingetauscht gegen anderes Problem: Er sieht jetzt aus wie eine eiterpicklige Avocado. Überhaupt nicht mehr vorzeigbar. So kann er keinem unter die Augen treten, vor  allem nicht seiner großen Liebe Vanessa (Morena Baccarin aus „Fire­fly“). Das soll Ajax/Francis büßen!

Beim Namen Ryan Reynolds dürfte mancher Superhelden-Fan erstmal Hulk-Farbe annehmen: Der Kanadier schlüpfte 2011 für DC-Comics ins unsägliche CGI-Gewand des kassengiftgrünen Megaflops „Green Lantern“, und auch die Figur des Deadpool hat er schon einmal vergeigt: 2009 spielte er den Wade Wilson im flauen Marvel-Spinoff „X-Men Origins: Wolverine“, das bei Publikum und Kritik ebenfalls gnadenlos durchsegelte. Der vom Special-FX-Mann zum Regisseur mutierte Tim Miller ignoriert diese unrühmliche Vorgeschichte, drückt den großen Resetknopf und verblüfft mit einem dreckigen Gegenentwurf zu den feinen Marvel-Schnöseln von Avengers bis X-Men. Deadpool 2.0 ist der neue Oberarsch der Antihelden. Ein zynischer Nihilist, der sich über alles und jeden und vor allem sich selbst lustig macht. Der immer wieder die vierte Wand durchbricht und dem Publikum ins Gesicht sagt, was er über Hollywood und andere Stars, über die X-Men oder diesen Film denkt. Der obszön, kaputt und skrupellos ist, aber gleichzeitig eine richtig coole Sau (mit Betonung auf beiden Worten), die das Publikum nur so um den kleinen Finger wickelt. Ein Faible für böse Späße allerdings vorausgesetzt: Der von der FSK mit Erwachsenenfreigabe geadeltete Rächer atmet den anarchistischen Geist eines „Kick Ass“ und „Scott Pilgrim“ und serviert seine Geschmacklosigkeiten mit Tarantinoscher Lässigkeit. Wer das abkann, wird hier ein Riesenfass aufmachen.

OT: Deadpool, USA 2016 R: Tim Miller D: Ryan Reynolds, Morena Baccarin, Ed Skrein, T. J. Miller, Gina Carano FSK: 18 Jahre Verleih: Fox

Ab 11. Februar 2016 im Kino

5

Fazit

Derbe Action, vulgäre Zoten, tiefschwarze Gags – dieser durchgeknallte Brutalo zeigt den Saubermann-Superhelden den blutverkrusteten Stinkefinger. Laut, böse, absoluter Kult!

Sending
Leserwertung 4.33 (3 votes)

Trailer

Kommentar verfassen