Die Karte meiner Träume


Ein kleines Wissenschaftsgenie geht auf die Reise seines Lebens: grandios fotografierter Fantasy-Trip nach Bestsellervorlage vom „Amèlie“-Macher Jean-Pierre Jeunet

Wie viele Gegensätze passen unter ein Dach? Familie Spivet aus Montana kämpft in dieser Disziplin quasi um den Meistertitel. Der mürrische Vater ist Farmer alter Schule, eingesperrt in den Körper eines Jahrhunderte zu spät geborenen Cowboys. Mama hat einen Doktortitel in Naturwissenschaften und ist in Gedanken mehr bei ihrer Käferkollektion und ihren seltenen Fernostlarven als bei ihren Lieben. Sohnemann Layton kommt ganz auf Papa, spielt am liebsten draußen und übt sich im Flintenschießen, Schwester Gracie schwelgt in pubertären Träumen vom Sieg bei den Miss-Wahlen. Und dann wäre da noch T. S. – ein brillanter junger Tüftler mit dem rasiermesserscharfen Verstand eines Albert Einstein. Sein neuester Geniestreich: ein Perpetuum Mobile. Und dazu noch eins, das wirklich funktioniert – weshalb ihn das ehrenwerte Smithsonian Institute einlädt, um ihm den begehrten Baird-Preis zu überreichen. Allerdings ahnt dort niemand, dass der Erfinder ein erst zehnjähriger Junge ist. Obwohl er sich einiges einfallen lassen muss, will T. S. unbedingt selbst zur Preisverleihung fahren – und unbedingt allein. Denn seit dem tragischen Unfalltod seines Zwillingsbruders Layton hängt ein dunkler Schatten über seinem Zuhause, die Reise ist ein willkommener Anlass, der heimischen Trostlosigkeit zu entfliehen. So packt er heimlich seine Siebensachen und bricht bei Nacht und Nebel auf, um den frühmorgendlichen Güterzug zu erwischen, der ihn einmal quer durchs Land nach Washington befördern soll.

Der für seine fantastischen Filmtrips bekannte Franzose Jean-­Pierre Jeunet beweist sich erneut als ein Meister der Bildmagie: Seine sonnengetränkten Landschaften und gemütlich kruschigen Kulissen erweisen sich als regelrechte Wohlfühloasen, die vor allem in der grandiosen 3D-Fassung zum Abtauchen einladen – durchbrochen von fluffig animierten Skizzen und Tricksequenzen mit den schrägen Ideen des kleinen Erfindergenies. Jungmime Kyle Catlett, auch im richtigen Leben ein hochbegabtes Kerlchen, wickelt die Zuschauer in seiner ersten großen Rolle mit seinem natürlichen Spiel und Charme regelrecht um den Finger. Das lässt sich leider nicht von allen behaupten: Der gelangweilt wirkende Callum Keith Rennie bleibt als Cowboy-Papa blass und nichtssagend, Judy Davis („Reise nach Indien“) nervt als sirenenhaft überzeichnete Institutsleiterin, die als Aneinanderreihung kleiner Begebenheiten erzählte Reise im Mittelteil lässt zudem den Spannungsbogen etwas schleifen. Die gemäldeschönen Aufnahmen und die ansteckende Herzenswärme veredeln die eigenwillige Ausreißergeschichte aber dennoch zu einer absolut sehenswerten Feelgood-Perle.

OT: The Young And Prodigious T. S. Spivet, FRA/CAN 2013 R: Jean-Pierre Jeunet D: Kyle Catlett, Helena Bonham Carter, Judy Davis FSK: o. A. L: 101 Minuten Anbieter: DCM

Ab 28. November 2014 auf DVD, Blu-ray und Blu-ray 3D

4,0

Fazit

Mitreißendes Gegenwartsmärchen übers Erwachsenwerden mit tollem Hauptdarsteller und einigen verzeihbaren Durchhängern

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