Nightcrawler


Machen Sie sich gefasst auf einen Ritt durch die Hölle und zurück wenn Sie an der Seite von Jake Gyllenhaal die Straßen von Los Angeles durchstreifen, immer auf der Suche nach blutigen Bildern. Mitleid? Fehlanzeige!

Eine Frage wird im Laufe dieses atemlosen Trips durch die amerikanische Nacht niemals gestellt: die nach der Moral. Für Lou Bloom (fantastisch gegen den Strich besetzt: Jake Gyllenhaal) gibt es keine Moral. Er zweifelt nicht an seinem Handeln, im Zentrum seines Erlebens steht nur er selbst mit seinen Bedürfnissen. Was will ich vom Leben? Wie kann ich meine Ziele erreichen? Wer ist mir nützlich? Das sind die einzigen Fragen, die Lou sich stellt, und wie Schachfiguren benutzt er alle Menschen in seinem Umfeld, sortiert sie aus, wenn sie ihm nicht dienlich sind oder setzt sie mit seiner Interpretation eines Raubtier-Kapitalismus so lange unter Druck, bis sie sich fügen. Er kennt keine Scham und keine Reue, und die Entscheidungen, die er trifft und knallhart in die Realität umsetzt, sind so obszön, dass der Zuschauer, hier zum (unfreiwilligen?) Voyeur degradiert, sich im Kinosessel windet und doch nicht die Augen von der Leinwand lassen kann, von der Figur des rastlosen, abgemagerten, panthergleichen Paparazzo, der durch die Nacht von Los Angeles jagt, um seinem Sender als Erster spektakuläre Bilder von blutigen Unfällen und brutalen Verbrechen zu liefern. Durch Zufall ist Lou in diese Profession gestolpert, hat sich von unwilligen Konkurrenten schmarotzerhaft Tricks und Kniffe abgeschaut und mit dem harmlosen Rick (Riz Ahmed bringt einen Hauch von Menschlichkeit ein) einen billigen Assistenten rekrutiert, der ihn durch die Dunkelheit lotst, immer den nächsten blutigen Schauplatz im Visier. Während die Stadt schläft, durchstreifen die beiden unablässig die Straßen, ein Ohr immer am Polizeifunk, und dann Bleifuß, wenn das nächste Unglück gemeldet wird. Lou, anfangs noch belächelt, hat schnell ein Bein in der Tür bei Nina (Rene Russo), die bei ihrem kleinen Sender auf den hinteren Quotenrängen dümpelt und dem amateurhaften Anfänger eine Chance gibt. Nicht aus Menschlichkeit, Gott bewahre, sondern weil sie das Talent des künftigen Nightcrawlers wittert und an seinem potenziellen Erfolg teilhaben will. Das wird sie später noch bitter bereuen, wenn Lou ihr mit seinem Wolfslächeln bei einem Abendessen Avancen macht. Dem Soziopathen wird sie nicht entkommen – ebensowenig wie die Unfall­opfer draußen auf der Straße. Der Aufstieg des karrierebesessenen Einzelgängers ist unaufhaltsam: Lou akzeptiert keine Grenzen, drapiert ein Unfallopfer schon mal um, damit er es besser in Szene setzen kann und zögert auch nicht, der Polizei Informationen vorzuenthalten, wenn es den Quoten dienlich ist. Die Welt der Gewalt ist seine Bühne – erschreckend abschreckend!

OT: Nightcrawlers, USA 2014 R: Dan Gilroy D: Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Riz Ahmed, Bill Paxton FSK: 16 Jahre L: 114 Minuten Anbieter: Concorde

Ab 26. März 2015 auf DVD und Blu-ray

5

Fazit

Ein zynischer Abgesang auf die Sensationsgeilheit der modernen Gesellschaft, die den Wert des Einzelnen nur mehr nach seinem Profit beurteilt. Definitiv der amerikanische Alptraum

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Leserwertung 4.6 (5 votes)

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