Der große Rausch

Schmale Rente? Kein Problem für „Paulette“ – dann dealt sie eben Hasch

DIE KIFFERKOMÖDIE

Anders als beim verpatzten Aufklärungsstreifen „Reefer Madness“ wird Gras/Hasch/Cannabis/Hanf/Marihuana/Dope/wie auch immer Sie es nennen wollen in der Geschichte des Drogenfilms vornehmlich im Komödiensegment eingesetzt: Spätestens seit den legendären US-Blödelbarden ­Cheech & Chong, die in den 70ern und 80ern mit ihren durchgeknallten Kiffer-Trips zu Kultfiguren avancierten, ist die Graskomödie ein fester Bestandteil der internationalen Filmindustrie. Was wäre die Filmgeschichte denn beispielsweise ohne eine Figur wie den Dude? Das mag man sich gar nicht vorstellen! Mit seiner Rolle in Joel Coens „The Big Lebowski“ von 1998 ist Jeff Bridges zur unsterblichen Kultfigur, wenn nicht sogar Kulturikone einer unmotivierten Sla­cker-Generation geworden, der seine Lebenseinstellung aus der Seele sprach. Auch jüngere Komödien wie David Gordon Greens „Ananas Express“ setzen auf das Erfolgsrezept Marihuana: Die inzwischen zu veritablen Hollywoodstars gereiften James Franco und Seth Rogen fliehen hier – als Cannabis-Dealer und dessen bester Kunde – vor korrupten Bullen und gemeinen Drogenbaronen. Man sympathisiert mit den liebenswerten Kiffern und Grasvertickern – längst hat der Marihuana-Konsum im Film schließlich den Status eines Kavaliersdelikts erlangt. Das übrigens nicht nur Männer verüben: In der britischen Comedy „Grasgeflüster“ von 2000 tilgt die reife Grace (Brenda Blethyn) ihre Schulden, indem sie ihre Orchideen- einfach in eine Hanf-Plantage umwandelt. Etwas Ähnliches macht die Rentnerin Paulette (Bernadette Lafont) in der gleichnamigen französischen Komödie von 2012: Als die bettelarme Omi in ihrer Plattenbausiedlung beobachtet, wie ein paar halbwüchsige Dealer ihren Stoff verticken, will sie auch mitmachen und für den Marihuana-Platzhirsch Vito arbeiten. Wenn es verpeilte lustige Typen oder knuffige alte Omis machen, dann scheint Dealen nur halb so schlimm zu sein.

Auch in Deutschland haben wir natürlich einen „Do it yourself“-Dope-Kultfilm, der nur ein Jahr nach „Grasgeflüster“ erschien: Christian Züberts „Lammbock“, in dem Moritz Bleibtreu und Lucas Gregorowicz eine als Pizzabude getarnte Hanfplantage betreiben.

 

FILM GEWORDENE TRIPS

Kifferkomödchen schön und gut – wirklich hängen bleiben aber andere Drogenfilme, solche, bei denen sich einem die Nackenhaare aufstellen, weil der dargestellte Trip so (visuell) berauschend ist, das man förmlich mit dem Trippenden fühlt beziehungsweise leidet. Danny Boyle hat das 1996 in „Trainspotting“ so kultig-krass umgesetzt, dass man es wohl nie wieder vergessen wird: Wie Junkie Rent Boy alias Ewan McGregor, mit zwei Opiumzäpfchen im Po und einer Leiche gleichend, durch den grellen Gang in die Toilette des Grauens torkelt und nach vollbrachtem Geschäft in die Kloake steigt, um den heiligen Zäpfchengral zu ertauchen. Oder wie er beim versuchten Entzug vom an der Decke krabbelnden Horror-Baby tormentiert wird. Die gesamte Verfilmung des Romans von Irvine Welsh ist ein einziger Horrortrip durch die verwirkten Leben der zu Junkies und Dealern verkommenen Jugendlichen, die im verarmten Edinburgh der späten 80er dahinvegetieren, eine Horrorvision des Lebens in Abhängigkeit, das nur Leid und Zerstörung bringt. Wenn ein Film, der die katastrophalen Konsequenzen von Drogensucht zeigt, zu solch einem Kultstreifen wie „Trainspotting“ wird, dann hat er wohl zehnmal so viel Aufklärungs- und Abschreckungspotenzial wie jede „Reefer Madness“-Hände-weg-von-den-Drogen-Moralkeule.

Botanische Begutachung in „Lammbock“: „Ähhh, das sind Tomatenstauden!“

In puncto Abschreckung noch drastischer und deswegen lange Zeit ein Standardwerk im Schulunterricht: Die Verfilmung des autobiografischen Romans „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, die der jugendlichen Titelfigur im Berlin der 70er Jahre auf dem schleichenden Weg in die Heroinabhängigkeit und die für deren Finanzierung nötige Prostitution folgt. Aus Frankreich kam 2009 ein Drogenfilm, der den Zuschauer wie ein halluzinogener Rausch überrollte: „Enter The Void“. Darin wird Dealer Oscar, selbst kein Kostverächter, wenn es um Halluzinogene wie LSD und DMT geht, in einem Club im sündigen Tokio von der Polizei gestellt und aus Versehen erschossen. Da er seiner Schwester jedoch geschworen hat, nie von ihrer Seite zu weichen, kehrt er zurück und schwebt wie ein Geist durch die grelle Metropole. Ein Film, der nichts für schwache Nerven ist.

Auch Darren Aronofskys 2000er „Requiem For A Dream“ ist visuell atemberaubend inszeniert. Darin wird Junkie Jared Leto zum Dealer, seine Freundin Jennifer Connelly Prostituierte und Mutti Ellen Burstyn (dafür oscarnominiert) tablettensüchtig. Mit einem sugges­tiven Score, hypnotischer Hip-Hop-Montage (die auch ein Markenzeichen Guy Ritchies ist) und verstörenden Kameraperspektiven erzeugt Aronofsky einen albtraumhaften Trip von einem Film, der den sozialen und körperlichen Verfall der Protagonisten schonungslos darstellt und zu Recht als einer DER Drogenfilme überhaupt gefeiert wird.

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