Filmland Großbritannien

Ein Gang durch die englische Filmgeschichte ist fast so aufregend wie der durch Hollywood: Da wackelt Charlie Chaplin um die Ecke, Hitchcock absolviert seinen Gastauftritt, James Bond zielt ins Publikum und Harry Potter verzaubert es. Die Nähe zur Traumfabrik ist für den englischen Film aber auch ein Problem, weil ihm auf den ersten Blick die Eigenständigkeit fehlt. In Wahrheit aber mussten die Engländer hart für ihren Erfolg kämpfen und gingen durch tiefe Täler

„Der dritte Mann“ gilt für viele als bester englischer Film aller Zeiten

„Der dritte Mann“ gilt für viele als bester englischer Film aller Zeiten

Erst 2012 wurde im englischen Bradford eine Filmdose entdeckt, in der 110 Jahre lang ein Schatz geschlummert hatte: Die ersten bekannten Farbaufnahmen, gefilmt 1902 vom Erfinder Edward Raymond Turner. Ein Beweis dafür, dass die Engländer von Beginn an kinoverrückt waren. Trotzdem dauerte es etwas, bis sich hier eine echte Filmkultur entwickelte, länger als in Frankreich oder Deutschland. Das lag zum Teil daran, dass die frühen englischen Regisseure rasch den Anschluss verpassten und ihr Publikum mit theaterhaften Shakespeare-Dramen und Dickens-Verfilmungen langweilten. Schon sehr früh aber machte auch eine übermächtige Konkurrenz der englischen Filmindustrie zu schaffen, die sich als Fluch und Segen erweisen sollte: Hollywood. Die Filme aus Kalifornien hatten es in England noch leichter als anderswo, schließlich mussten sie keine Sprachgrenzen überwinden. 1926 stammten nur fünf Prozent der in England gezeigten Werke aus dem eigenen Land. Und der erste weltweit berühmte Filmstar überhaupt stammte zwar aus London, machte aber erst in Amerika Karriere: Charlie Chaplin.

 

BELEIBT, BRITISH, GENIAL

Auch der Aufstieg des anderen ganz großen Kino-Titanen beginnt streng genommen nicht in England, sondern in Deutschland. Alfred Hitchcock lernte das Filmhandwerk in den Babelsberger Studios bei Berlin. Hier entstand auch sein erster Film „Die Prinzessin und der Geiger“ (1925). Danach kehrte er in seine Heimat zurück und erfand mit dem Stummfilm „Der Mieter“ (1927) das Thriller-Genre. Bevor auch Hitchcock 1939 nach Hollywood übersiedelte, schuf er immerhin den ersten englischen Tonfilm („Erpressung“, 1929) und Klassiker wie „Der Mann, der zuviel wusste“ (1934), „Sabotage“ (1936) oder „Eine Dame verschwindet“ (1938). Am Ende seiner Laufbahn kehrte er mit dem fiesen Frauenwürger-Thriller „Frenzy“ (1972) nach London zurück. Auch wenn er seine wichtigsten Filme in den USA drehte, blieb Hitch doch Zeit seines Lebens very british und damit Botschafter eines Landes, das seine Exzentriker liebt. Welche andere Nation brachte schon einen ähnlich berühmten Regisseur hervor, einen Mann, der selbst zum Star und dessen Silhouette zum Sinnbild des Spannungskinos schlechthin wurde?

 

Ein absoluter Klassiker: „Lawrence von Arabien“

Ein absoluter Klassiker: „Lawrence von Arabien“

DICKENS, SHAKESPEARE, OSCAR

In den Dreißigern drängten viele britische Produktionen auf den US-Markt, allerdings ohne sich durchzusetzen. In Erinnerung blieben nur wenige Filme, das Abenteuer-Drama „Vier Federn“ (1939) etwa, der erste Technicolor-Film aus England. In dieser Phase kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wurden aber viele Grundsteine für den späteren Erfolg des englischen Kinos gelegt. US-Studios wie United Artists und MGM begannen, in Great Britain zu investieren und eröffneten dort eigene Dependancen. 1936 nahmen die legendären „Pinewood Studios“ ihren Betrieb auf. Wirklich rund lief die britische Filmindustrie aber immer noch nicht: Einen der erfolgreichsten Streifen der Zeit, den wunderschönen Fantasyfilm „Der Dieb von Bagdad“ (1940), musste Produzent Alexander Korda wegen finanzieller Schwierigkeiten in Hollywood fertigstellen.

Während der Kriegsjahre dominierten gefühlvolle Dramen, die die Nation moralisch in ihrem Kampf gegen die Nazis unterstützen sollten. Mit Laurence Olivier trat einer der größten Schauspieler des 20. Jahrhunderts ans Licht der Öffentlichkeit und hob mit „Heinrich V.“ (1944) die alte Tradition der Shakespeare-Verfilmung auf ein neues Niveau.

Der endgültige Befreiungsschlag und große kreative Schub kam für die britische Filmindus­trie nach dem Ende des Krieges. Große Regisseure reüssierten in den unmittelbaren Nachkriegsjahren: David Lean mit „Begegnung“ (1945) und den genialen Dickens-Verfilmungen „Große Erwartungen“ (1946) und „Oliver Twist“ (1948); Carol Reed mit dem Film noir „Der dritte Mann“ (1949), der immer noch regelmäßig die Listen der besten englischen Filme aller Zeiten anführt; und das Regie-Duo Michael Powell und Emeric Pressburger mit „Die schwarze Narzisse“ (1947) und dem hinreißenden Tanzfilm „Die roten Schuhe“ (1948). Im selben Jahr gewann Laurence Olivier für „Hamlet“ als erster Nicht-Amerikaner den Oscar für den besten Film.

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