Filmland Spanien

In Spanien scheint immer die Sonne, alle essen ständig Tapas und machen mittags eine Siesta. Soweit die Klischees. Das mit der Siesta stimmt aber wirklich, zumindest für den spanischen Film. Der lag über Jahrzehnte in einem Dornröschenschlaf, bis ihn ausgerechnet die Zombies und lesbischen Vampire aus billigen, aber erfolgreichen Horrorfilmen wachküssten. Heute bietet der spanische Film Almodóvar, Cruz und Bardem – und noch vieles mehr

Liebe auf den ersten Blick war das nicht gerade zwischen den Spaniern und dieser merkwürdigen neuen Erfin-dung der lebenden Bilder. So nannte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts die frühen Filmvorführungen. Am 5. Mai 1895 fand in Barcelona die erste auf spanischem Boden statt – im gleichen Jahr wie in Paris und Berlin. Aber während sich das Kino dort als Kunstform etablierte und die Massen begeisterte, blieb Spanien filmisches Entwicklungsland. Schuld daran war nicht zuletzt Diktator Francisco Franco, der Spanien von 1936 bis 1975 eine bleierne Zeit bescherte. Umso heftiger fiel die Kreativexplosion aus, mit der sich das spanische Kino nach seinem Tod befreite. Sex, Horror, Trash: Die Filme konnten gar nicht absurd und wild genug sein. Ab 1980 fand Spanien den Anschluss an das internationale Kino, ein Aufstieg, der  eng mit dem Namen Pedro Almodóvar und seinen Kultfilmen verbunden ist. Heute zählt Spanien nicht nur Dank seiner international erfolgreichen Horrorfilme zu den spannendsten Filmländern Europas.

 

Eine Provokation: „Ein andalusischer Hund“ von Luis Buñuel und Salvador Dalí

EIN EXPERIMENT WIRD ZUR SENSATION

Experten streiten sich, welcher Film als erster in Spanien gedreht wurde. Wahrscheinlich wird diese Ehre einem weniger als eine Minute langen Schnipsel zuteil, den Eduardo Jimeno 1897 von Gläubigen drehte, die in Saragossa eine Kirche verließen. Der erste spanische Regisseur von Rang arbeitete bezeichnenderweise größtenteils in Frankreich und Italien: Segundo de Chomón nutzte für seine fantasievollen Werke wie sein französischer Kollege Georges Méliès Kameratricks und optische Illusionen. In der Stummfilmzeit dominierten historische Epen wie „Das Leben des Christoph Columbus und seine Entdeckung Amerikas“ von 1917, für die sich außerhalb des Landes aber niemand interessierte. Erst 1929, gegen Ende der Stummfilm-Ära, machte ein spanischer Film von sich reden – ausgerechnet ein 17 Minuten langes, surreales Avantgarde-Experiment. Regisseur Luis Buñuel und der Maler Salvador Dalí zeigten in „Ein andalusischer Hund“ Männer im Nonnenkostüm, verwesende Kadaver von Eseln, und – unvergesslich – ein Messer, das ein Auge durchschneidet. Eigentlich wollten die beiden nur provozieren, aber der Film wurde ein Erfolg und lief acht Monate lang in den Kinos. Allerdings in Paris, wo Buñuel und Dalí lebten. Nach seiner Rückkehr nach Spanien produzierte Buñuel einige erfolgreiche Titel, aber der Ausbruch des Bürgerkriegs 1936 zwang ihn zur Ausreise in die USA. Er entwickelte sich in Mexiko zu einem der wichtigsten Regisseure der Filmgeschichte. 1960 kehrte er nach Spanien zurück und drehte das Meisterwerk „Viridiana“, für das Buñuel in Cannes die Goldene Palme erhielt – während der spanische Informationsminister den Film zu Hause verbot. Buñuels letzte große Projekte wie „Belle de Jour – Schöne des Tages“ entstanden in Frankreich.

Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis das spanische Kino endlich aus seinem Tiefschlaf erwachte. 1931 produzierte das Land nur einen einzigen Film. Der Tonfilm wurde erst 1935 eingeführt, fünf Jahre nach seinem Siegeszug. Und der Bürgerkrieg, der bis 1939 dauerte, zerstörte die spanische Filmindustrie fast völlig.

 

Trauriger Nationalheld: Don Quijote im nicht fertiggestellten „Lost in la Mancha“ von Terry Gilliam

SPANIEN IST NUR KULISSE

Der ultra-konservative Diktator Franco siegte und regierte das Land zusammen mit der katholischen Kirche mit eiserner Hand. Dennoch entstanden in den Fünfzigern einige sozialkritische Filme, die sich den italie­nischen Neorealismus zum Vorbild nahmen. Zur gleichen Zeit entdeckte Hollywood die spanische Landschaft als geeigneten Dreh­ort für Monumental- und Abenteuerfilme wie „Stolz und Leidenschaft“ (1957, mit Cary Grant), „Lawrence von Arabien“ (1962) oder „Der Untergang des Römischen Reiches“ (1964). In den Sechzigern waren italie­nische Filmteams in Andalusien unterwegs und schossen die Außenaufnahmen für ihre Spaghetti-Western, von Leones „Dollar“-Trilogie bis zu Corbuccis „Django“. Weil an den Dreharbeiten immer auch spanische Mitarbeiter und Produktionsfirmen beteiligt waren, etablierte sich langsam eine neue spanische Filmindus­trie. Zu den links-orientierten Regisseuren, die nun allmählich und unter den misstraui­schen Augen der Zensur Fuß zu fassen versuchten, gehörte Carlos Saura („Die Jagd“ und der klasse Tanzfilm „Carmen“), dessen Filme international ausgezeichnet und im Ausland zunächst bekannter wurden als in Spanien selbst.

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