Dystopien und Endzeitfilme

Wegweisend: Fritz Langs „Metropolis“ gilt als Urvater des dystopischen Films

Mit den meisten dieser Szenarien hatte der Urvater des dystopischen Films indes noch nichts am Hut – schließlich waren Atombombe und Klimakatastrophe, globale Verblödung und Überbevölkerung anno 1927 noch nicht erfunden, entdeckt oder andiskutiert. Fritz Langs Stummfilm „Metropolis“ zeigt das Leben in einer futuris­tischen Zweiklassengesellschaft, in der die Arbeiterschaft im Untergrund haust und für das Luxusleben der Oberschicht malocht. Das zum Weltdokumentenerbe der UNESCO erklärte Meisterwerk ist Kapitalismus- und Marxismus-Kritik in einem und wirft einen pessimistischen Blick auf die Folgen der Industrialisierung, zeigt dubiose Megamaschinen, humanoide Roboter und Einschienenbahnen. Dem noch vom ersten Weltkrieg gebeutelten Publikum war diese ungewohnt finstere Vision nicht vermittelbar. Der Film fiel an der Kinokasse durch, das Lager der Kritiker war immerhin zwiegespalten. Eine richtig dicke Schelle fing sich „Metropolis“ aber von ganz prominenter Seite ein: „Ich habe gerade den dümmsten Film gesehen. Ich glaube nicht, dass man einen dümmeren drehen könnte“ schrieb der bekannte US-Autor H. G. Wells in der New York Times im April 1927. Man munkelt, der große Visionär der Literaturgeschichte sei so ungnädig mit Langs Werk gewesen, weil er darin viele seiner eigenen Ideen plagiiert sah.

 

WER HAT AN DER UHR GEDREHT?

Gut möglich, denn davon hatte der Bestseller-Autor jede Menge. Der 1866 geborene Brite war seiner Zeit weit voraus, nahm in seinem Roman „Befreite Welt“ bereits 1914 die Entwicklung der (später nach seinem Werk benannten) Atombombe voraus und lieferte die Vorlagen für Filme wie „Krieg der Welten“ (2005) oder „Jagd auf einen Unsichtbaren“ (1992) – zwei feine Werke aus den Randausläufern des dystopischen Genres. Und natürlich für „Die Zeitmaschine“ (1960), in der ein genialer Wissenschaftler die titelgebende Gerätschaft nutzt, um in ferner Zukunft das Paradiesvogelvolk der Eloi vor den bösen Morlock-Unterdrückern zu retten – ein echter Klassiker. Über das Remake von 2002 schweigen wir besser.

Arnold Schwarzenegger hat sich als “Terminator” fest in die Gegenwarts-Kultur hineingebombt

Temporale Trips durch die Jahrhunderte sind ohnehin ein gern gesehener Gast im düster futuristischen Metier. 1984 beamte ein unbekannter Jungregisseur einen besonders bemerkenswerten Schrecken aus der postnuklearen Zukunft in die Kinogegenwart. Arnold Schwarzenegger schlüpfte für James Cameron ins Kostüm der unzerstörbar scheinenden, humanoiden „Terminator“-Kampfmaschine, die bei Actionfans quasi wie die Atombombe einschlug. Von den drei Nachfolgern konnte zwar nur der für seine Supertricks und Einfallsreichtum gelobte „Terminator 2“ (1991) richtig überzeugen, doch Arnie hat sich als T-800 felsenfest in die Gegenwarts-Kultur eingebrannt: Hasta la vista, baby!

Hand hoch: Wer von euch war‘s? Will Smith ermittelt in „I, Robot“

Camerons Cyborg kam gerade recht in einer Zeit, in der die Computer immer schneller, billiger und allgegenwärtiger wurden und sich nicht nur intellektuelle Pessimisten die Frage stellten, wo dieser Technologie-Wahn eines Tages hinführen könnte. Schon viele Jahrzehnte zuvor hatte sich der russisch-amerikanische Science-Fiction-Autor Isaac Asimov Gedanken über eine Gesellschaft gemacht, in der Mensch und Maschine zusammenleben. 1950 verdichtete er seine Ideen zu einer heute weltbekannten Kurzgeschichtensammlung. Die Konzepte aus „Ich, der Robot“ – vor allem die dort postulierten Robotergesetze – summen seitdem überall im Hintergrund mit, wenn intelligente Maschinen und Menschen im Film aufeinanderstoßen – von rappelnden Trash-Blechmannen bis zu Bordcomputer HAL aus Stanley Kubricks „2001“ oder Android Ash in „Alien“. Der australische Regisseur Alex Proyas ließ sich von Asimovs Buch zu seinem Sci-Fi-Thriller „I, Robot“ (2004) mit Will Smith inspirieren – ein durchaus unterhaltsames Werk, das mit seinem kühlen Look und seiner eiskalten Atmosphäre die Zuschauer aber nicht wirklich mitreißen konnte. Seine Fans waren von Proyas zudem Besseres gewohnt, legte er 1998 doch ein gelungenes Paradebeispiel für eine andere Unterliga der Dystopie vor. „Dark City“ stellte auf spannende und vielschichtige Weise eine grundlegende philosophische Frage: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? In Proyas‘ stilvoller Film-Noir-Stadt scheint irgendjemand mit den Erinnerungen der Bewohner herumzupfuschen, bis der mit übersinnlichen Fähigkeiten gesegnete Rufus Sewell der Sache auf die Schliche kommt.

Ein Kommentar

  1. Thompsen 28. April 2015

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