Dystopien und Endzeitfilme

Tut weh – oder ist das nur Einbildung? Arnold Schwarzenegger in Verhoevens „Total Recall“

WIRKLICHKEIT ALS (SCHÖNER) SCHEIN

Im darauffolgenden Jahr stellten auch die Wachowski-Geschwister die Realität auf den Prüfstand, griffen dabei auf einige Kulissen von „Dark City“ zurück und landeten mit „Matrix“ einen Volltreffer. Die Trilogie um den Hacker Neo (Keanu Reeves), der zwischen der simulierten Großstadtwelt und einer kriegsgebeutelten, realen Endzeitwelt hin- und herwechselt, wurde allerdings mit jedem Teil abgefahrener und schwächer. Dennoch gebührt den „Matrixen“ ein fester Ehrenplatz in der Filmgeschichte – allein schon für die Erfindung der irren Bullet-Time-Aufnahmen mit ihrer um die Szene rotierenden Kamera.

Das Meta-Ebenen-Spiel mit Schein und Wirklichkeit kann auf eine lange Filmtradition zurückblicken: Rainer Werner Fassbinder verwandelte den 1964 erschienenen Roman „Simulacron-3“ von Daniel F. Galouye 1973 zu seinem verschachtelten TV-Zweiteiler „Welt am Draht“. 1990 ließ sich Arnold Schwarzenegger für Regisseur Paul Verhoeven bei der futuristischen Firma Rekall ein Erinnerungsimplantat für eine abenteuerliche Reise auf den Mars einsetzen. Der Eingriff geht schief, er landet von Killern verfolgt tatsächlich auf dem Mars, wo er sich mit einer skrupellosen Minengesellschaft anlegt – oder bildet er sich das nur ein? Der auf einer Geschichte von Philip K. Dick basierende „Total Recall“ – bitte nur das Original aus 1990 ansehen! – lässt zwischen rasanter Action und brutalen Kämpfen immer wieder Platz für verzwickte Fragen und ist durch und durch ein echter Verhoeven.

 

BIG BROTHER IS WATCHING YOU!

Der aus Holland stammende Regisseur peppte seine kommerziell ausgerichteten Sci-Fi-Themen gern mit einem Extra-Kick Hintergründigkeit und Zynismus auf. 1987 verknüpfte er in „Robocop“ Themen wie Technologie-Hörigkeit, Konzernmacht und Polizeistaat mit bitterbösem Witz; „Starship Troopers“ (1997), der deftige Schlagabtausch der Menschen gegen insektengleiche Aliens namens Bugs, ist zugleich zynische Satire über Militarismus und Faschismus.

Die Feuerwehr ist gern zur Stelle, um unliebsame Bücher zu verbrennen: Szene aus Truffauts „Fahrenheit 451“

Diktaturen und Despoten und vor allem die grausamen Exzesse des Dritten Reiches inspirierten Schriftsteller, Künstler und Filmemacher seit jeher zu düsteren Zukunftsvi­sionen. 1953 veröffentlichte Ray Bradbury seinen Roman „Fahrenheit 451“ über einen totalitären Staat, in dem das Lesen verboten und die Feuerwehr dazu da ist, Bücher zu verbrennen – 1966 von François Truffaut auf Zelluloid gebannt. 1949 lieferte George Orwell mit „1984“ ein kraftvolles Statement zur staatlichen Überwachung und Totalitarismus. Das Werk der Weltliteratur wurde vielfach verfilmt und dürfte vielen in der steingrau bedrückenden 1984er Version mit John Hurt in bester Erinnerung geblieben sein. Der allüberwachende „Big Brother“ kann aber auch ganz anders aussehen: In der grandiosen Satire „Die Truman Show“ (1998) von Peter Weir lässt ein Fernsehsender den völlig ahnungslosen Jim Carrey den dauerüberwachten Reality-Show-Kasper für Milliarden von Fernsehzuschauern spielen. Weirs Antwort auf den TV-Wahnsinn ist ein wahres Glanzstück aus dem Untergenre der Mediendystopie, in dem es aber auch knochenhart zur Sache gehen kann: Im 2009 veröffentlichten Action-Hit „Gamer“ muss Gerard Butler zur Bespaßung einer Online-Gamer-Gemeinde als ferngesteuerter Superkämpfer um sein rea­les Leben bangen. Dann doch lieber in einer Zukunft ohne Mord und Totschlag leben, oder? Vielleicht so wie in „Minority Report“ (2002), in dem übersinnlich begabte „Precogs“ Kapitalverbrechen vorhersehen, damit Precrime-Cops wie Tom Cruise sie verhindern. So ultramodern Steven Spielbergs kühler Hi-Tech-Thriller auch wirkt: die Buchvorlage von Philip K. Dick ist bereits 1956 erschienen.

Ein Kommentar

  1. Thompsen 28. April 2015

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