Dystopien und Endzeitfilme

Fotogener Dauerregen: Los Angeles im Jahr 2019 – wie Ridley Scott es in „Blade Runner“ sieht (Artwork)

Für viele Cineasten ist der visionäre US-Schriftsteller schon wegen eines anderen Werkes ein Heiliger: Auf der Basis von Dicks Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ schuf Ridley Scott eines der besten Dystopie-Meisterwerke schlechthin. „Blade Runner“ (1982) spielt in einer entgleisten Gesellschaft, in der Harrison Ford menschengleiche, zur Arbeit in außerirdischen Kolonien gezüchtete Replikanten aufspüren soll. Der in traumhafte, neondurchflutete Nachtaufnahmen gekleidete Thriller punktet auf vielen Ebenen: als stilvolle Film-Noir-Detektivgeschichte, als Mahnung vor Konzernmacht und Gen-Pfuscherei, als Verwirrspiel mit der Realität und natürlich als der Film, der den Cyberpunk ins Mainstream-Kino brachte. Mehr Dystopie pro Film geht eigentlich nicht – es sei denn, man heißt Terry Gilliam. Das exzentrische Regie-Genie lud 1985 in „Brazil“ zu einer unberechenbaren Achterbahnfahrt durch eine bürokratische Diktatur ein – kafkaesk und surreal, voller blutiger und derber Späße zwischen Bomben- und Fäkal­explosionen, bei denen das Lachen wegräusperfest im Hals steckenbleibt. Bis heute unerreicht!

 

Hinten die Armen, vorne die Reichen: “Snowpiercer” verfrachtet die Restmenschheit in einen diktatorisch geführten Zug

WEICHGESPÜLT UND ZAHMGEKOCHT

Aber das kann ja noch werden, die Dystopie ist schließlich nicht tot. Allerdings schwer angeschlagen – schwach auf der Brust und ohne wirkliche Schreckkraft. Statt auf relevante, anspruchsvolle Kollektiv-Ängste von Überwachungsstaat bis Klimakollaps setzen Hollywood und Co. derzeit lieber auf Dystopie light und verfilmen einen angeblichen Jugendbuch-Bestseller nach dem anderen. Von romantisierten Kinder-Dystöpchen der Marke „Seelen“ (2013) nach Vorlage der „Twilight“-Autorin oder „Die Chroniken der Unterwelt“ werden erwachsene Finster-Futuristen nicht satt. Immerhin die Verfilmung der „Panem“-Trilogie kann dank vielschichtiger Story, Top-Cast und bud­get­gestähltem Look überzeugen. Die der Zielgruppe geschuldete niedrige Altersfreigabe raubt dem Stoff aber einiges an Härte, so mancher würde sich da eine erweiterte Erwachsenen-Fassung mit mehr Blut und Bitterkeit wünschen. In dieser Hinsicht wird der Dystopie-Freund derzeit im Heimkino bestens bedient, wenn er eine Reise mit dem „Snowpiercer“-Zug des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho bucht, der sich als kraft- und fantasievolle, von scharfem Witz und blutiger Action durchzogene Parabel auf die globalisierte Gesellschaft entpuppt. Na bitte, geht doch noch – aber bitte mehr davon! [Gerald Arend]

Ein Kommentar

  1. Thompsen 28. April 2015

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