Die Musik macht den Ton

Der Abspann läuft, das Licht geht an – und doch hat kaum ein Zuschauer etwas von ihrer Arbeit mitbekommen. Aber auch wenn die Musik meist gar nicht bis ins Bewusstsein vordringt: Erst die kunstvollen Klänge erfahrener Komponisten runden den cineastischen Genuss wirklich ab. Vorhang auf und Ton ab für einen kleinen Streifzug durch die Geschichte und Entwicklung der Filmmusik!

Die Bilder sind schwarzweiß und wacklig, noch ist kein Wort von den Figuren auf der Leinwand zu vernehmen. Doch im ausgehenden 19. Jahrhundert war es keinesfalls still, wenn die Brüder Lumière ihren selbsterfundenen Cinématographen vorführten. Ein Pianist untermalte ihre Kurzfilme – um die Nerven der Zuschauer im stockfinster abgedunkelten Saal zu beruhigen und das Rattern des Projektors zu übertönen – aber auch aus künstlerischen Aspekten. Das Publikum war Theater­aufführungen mit viel Musik gewohnt und die inhaltlich bescheidenen Knis­terfilme der Marke „Zug rollt in Bahnhof“ konnten ein bisschen emotionales Tuning gut gebrauchen.

Wo Stummfilme flimmerten, gehörten Musiker bald fest dazu. Die Verleiher gaben ihnen Spiellisten oder manchmal auch Partituren von eigens komponierten Stücken an die Hand, oft wurde aus sogenannten „Kinotheken“ gespielt, nach Stimmungslage und Verwendung zusammengestellten Notensammlungen von Volksmusik bis Oper. Schnell etablierten sich Quasi-Standards: Rossinis Wilhelm-Tell-Ouvertüre für Actionszenen, Franz Liszts Liebestraum für romantische Momente. Piano, Geige, Flöte wurden in größeren Sälen von Kino-Orgeln abgelöst, einige städtische Premierenkinos leisteten sich gar den Luxus ganzer Orches­ter, um Highlights wie Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ mit synchron gespiel­ter Orchestermusik aufzuführen – eine knallharte Herausforderung für Dirigent und Musiker, aber sicher ein unvergessliches Erlebnis für die Besucher.

Die Tage der Livemusik-Bespaßung waren aber bald gezählt. Schon vor der Jahrhundertwende grübelten Tüftler im Kämmerlein darüber nach, wie man aufgezeichneten Ton synchron zum Bild abspielen könnte. Doch erst den zuverlässigen und bis heute genutzten Lichttonverfahren sollte später der Durchbruch gelingen.

 

LAUTMALEREI À LA STUMMFILM

Mitte der Dreißiger war der Stummfilm endgültig zu Grabe getragen. Jetzt hatten die Filmemacher selbst die Hoheit über die musikalische Umrahmung, verließen sich bei der Kompositionstechnik aber zunächst noch auf Altbewährtes. Beim Stummfilm war es üblich, das Geschehen in der Szene mit lautmalerischen Instrumentenklängen zu begleiten, und dieses Underscoring ließ sich nun perfektionieren. Sobald die finale Schnittfassung fertig war, konnte der Komponist takt- oder gar notengenau das Geschehen begleiten oder – etwa bei frühen Slapstickfilmen – sogar regelrecht akustisch doppeln. Der Schlag mit der Bratpfanne wird zum Percussion-Boing, die herunterrutschende Hose zum absteigenden Flö­tenglissando. Das nennt sich dann nicht von ungefähr auch Mickey-Mousing.

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Um das gegen Ende der Stummfilmära erlahmte Zuschauerinteresse anzufachen, setzte man auf satte Orchesterklänge. Große Studios beschäftigten eigene Komponisten und Arrangeure, gefragt waren spätromantische Klänge aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Es waren vor allem nach Amerika eingewanderte Europäer wie Max Steiner, die den bis heute geschätzten Hollywood-Sound erschufen. Der gebürtige Wiener schrieb von 1916 bis 1965 die Scores zu Hunderten von Filmen und dürfte einen auf Dauer uneinholbaren Produktivitätsrekord aufgestellt haben, als er in den Jahren 1934 und 1935 bei über 70 Spielfilmen mitarbeitete. Aus Steiners Feder stammt auch die Musik zum Bo­gart-Klassiker „Casa­blanca“ (1942) – bis auf den legendären Song „As Time Goes By“ allerdings. Der Komponist hasste das von Studioboss Jack Warner favorisierte Lied, das der Amerikaner  Hermann Hupfeld 1931 für eine Broadway-Show komponiert hatte, und wollte es durch eine Eigenkomposition ersetzen.

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