Die Musik macht den Ton

Große Bilder, große Musik: „Spiel mir das Lied vom Tod“ mit Ennio Morricones Gänsehaut-Mundharmonika

Große Bilder, große Musik: „Spiel mir das Lied vom Tod“ mit Ennio Morricones Gänsehaut-Mundharmonika

VERHASSTE MELODIE

Sein Vorhaben scheiterte – angeblich weil Hauptdarstellerin Ingrid Bergman sich für ihr nächstes Engagement „Wem die Stunde schlägt“ bereits die Haare hatte schneiden lassen und ein Nachdreh nicht mehr in Frage kam. Vielleicht war es also ein unbekannter Friseur, der einen der magischsten Musikmomente der Kinogeschichte gerettet hat.

Ein wenig Mitgefühl mit Steiner ist aber durchaus angebracht. Bei „Casablanca“ arbeitete er mit der Leitmotiv-Technik nach Konzepten seines Lehrmeisters Richard Wagner, bei der einer Figur oder wiederkehrenden Situation eine musikalische Phrase zugeordnet wird – in diesem Fall die verhasste Melodie von „As Time Goes By“. Kein Wunder also, dass Steiner den Film in seiner (unveröffentlichten) Autobiographie nicht groß erwähnte.

Jedes Volk hat eine Melodie: Howard Shore arbeitete bei „Der Herr der Ringe“ mit eingängigen Leitmotiven

Jedes Volk hat eine Melodie: Howard Shore arbeitete bei „Der Herr der Ringe“ mit eingängigen Leitmotiven

Schon frühe Beispiele wie der Bogart-Hit zeigen, wie schnell sich die Filmkomposi­tion von den Underscoring-Fesseln der Stummfilmzeit befreien konnte. Neben leitmotivischen waren bald Klänge gefragt, die nur lose und nicht szenensynchron Stimmungen und Atmosphäre unterstützen. Schön für den Zuschauer: Nach dieser in „Mood-Technik“ erschaffene Musiken gehen im Gegensatz zum lautmalerischen und meist melodieschwachen Underscoring in der Regel besser ins Ohr. Wer könnte je Bernard Herrmanns berühmte „Streicher-iieek-iieek-iieeks“ während Hitchcocks „Psycho“-Duschszene vergessen oder die verspielte Leichtigkeit von Yann Tiersens Klangkaskaden aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“, um nur zwei grundverschiedene Höhepunkte zu nennen. Noch mehr Ohrwurmpotenzial lässt sich mit den bereits erwähnten, repetitiv eingesetzten Leitmotiven erzielen; Weltklasse-Beweis ist John Williams‘ imperialer Marsch „Krieg der Sterne“ (1977), der bei vielen Kennern als das beste Stück Filmmusik aller Zeiten gilt. Aber auch Howard Shores sozusagen nach Mittelerde-Völkern eingeteilter Score zur „Der Herr der Ringe“-Trilogie ist ein Paradebeispiel für die­se Technik.

 

“ERSTER!”, SAGTE DER KOMPONIST

Die Abkehr vom sklavischen Underscoring macht auch die Arbeit um einiges einfacher. Der Komponist muss nicht mehr auf den final geschnittenen Film warten, sondern braucht lediglich passende Inspiration – und da reicht manchem Könner schon Drehbuch oder Produktionsskizze. Wenn er für seinen ehemaligen Klassenkameraden Sergio Leone arbeitete, war Ennio Morricone deshalb mit seiner Musik manchmal schon vor Drehbeginn fertig. Leone konnte bei Filmen wie „Zwei glorreiche Halunken“ oder „Spiel mir das Lied vom Tod“ das Italo-Wes­tern-Pferd sozusagen von hinten aufzäumen und Szenen und Kamerafahrten ganz auf die Musik hin ausgestalten. Die markanten Leitmotive agieren hier manchmal wie unsichtbare Schauspieler – und genau diese Aufmerksamkeit haben die längst in der Gegenwartskultur verankerten Klänge des Könners Morricone auch verdient.

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