Die Musik macht den Ton

„Koo koo ka choo, Mrs. Robinson“: Simon & Garfunkel untermalen einen Skandal in „Die Reifeprüfung“

„Koo koo ka choo, Mrs. Robinson“: Simon & Garfunkel untermalen einen Skandal in „Die Reifeprüfung“

POPSTARS AUF LOHNENDEN ABWEGEN

Populäre Klänge blieben weiter in Mode: 1967 verpflichteten die Produzenten von „Die Reifeprüfung“ das angesagte Folkrock-Duo Simon & Garfunkel für ihre damals gewagt gesellschaftskritische Komödie. Unvergessenes Highlight des aus alten und neuen Stücken bestehenden Soundtracks ist  das mit einem Grammy prämierte „Mrs. Robinson“. 1971 lieferte Folkrock-Barde Cat Stevens den Soundtrack zu Hal Ashbys schwarzer Komödie „Harold And Maude“, dessen musikalisches Zentrum das eigens komponierte „If You Want To Sing Out, Sing Out“ war. Im gleichen Jahr landete der aufstrebende Soul-Star Isaac Hayes mit der Titelmelodie zum Blaxploitation-Film „Shaft“ einen Superhit und löste damit einen regelrechten Funk-Boom aus.

„Bodyguard“-Star Whitney Houston wird uns always loven – und wir sie auch!

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Ob Mark Knopfler („Local Hero“, 1983) oder Peter Gabriel („Die letzte Versuchung Christi“, 1989), ob Rockband Queen („Highlander“, 1986) oder Dead-Can-Dance-Gründerin Lisa Gerrard („Insider“, 1999): Auftragskompositionen für Filme haben sich zu einem sehr attraktiven Betätigungsfeld für Pop- und Rock-Ikonen aller Stilrichtungen erwiesen – und tun oft Karriere und Konto gleichermaßen gut. Ganz besonders im Fall von Vangelis. Der wurde in den Achtzigern zum Mann der Stunde, weil er den Brückenschlag zwischen den aktuell angesagten Elektronik-Klängen und sinfonischem Orchesterbombast beherrschte,  der mit John Williams‘ Scores zu „Der weiße Hai“ (1976) und „Krieg der Sterne“ (1977) neu durchstartete. Vangelis schaute nie ins Drehbuch, sondern verschanzte sich mit einer Rohschnittfassung hinter den Keyboardburgen in seinem Londoner NemoStudio, um Filme wie „Die Stunde des Siegers“ (1981) oder „1492 – Conquest Of Paradise“ (1992) kongenial zu untermalen. Seine melodiösen Soundtracks erwiesen sich als absolute Verkaufsschlager – sofern der Maestro denn geneigt war, sie zu veröffentlichen. Wer sich nach dem Kinobesuch von Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982) die Musik ins Plattenregal stellen wollte, musste mit der nachgespielten Interpretation des New American Orchestra vorliebnehmen. Erst zwölf Jahre später gab es den offiziellen Soundtrack mit den unnachahmlichen Originalklängen zu kaufen, die CD schaffte es in UK trotz der „Verspätung“ in die Top 20.

Ein schöner Erfolg – aber im größeren Kontext eigentlich kaum erwähnenswert. Wie sich mit Filmmusik wirkliche Mengen an Platten und CDs umsetzen lassen, zeigen vor allem Musik- und Tanzfilme. Der Soundtrack von „Saturday Night Fever“ (1977), unter anderem mit den Bee-Gees-Hits „Stayin‘ Alive“ und „How Deep Is Your Love“,  bringt es auf geschätzte 28 Mio. verkaufter Exemplare, an der „Bodyguard“-Musik (1992) von der auch die Hauptrolle spielenden Pop-Diva Whitney Houston dürften deren Erben heute noch Spaß haben – schließlich gingen davon bislang fast 45 Mio. Alben über den Tresen. Als R&B-Sängerin Mariah Carey es ihr nachtun und sich und ihre Musik mit „Glitter“ (2001) hübsch ins Rampenlicht setzen wollte, ging der Schuss allerdings nach hinten los: Der klischeeüberfrachtete Streifen fiel bei Kritik und Publikum gnadenlos durch und legte ihre Karriere erstmal auf Eis.

 

„Easy Rider“: Genialer Song-Soundtrack von Kollege Zufall?

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SOUNDTRACK-STARS WIDER ERWARTEN

Auf der anderen Seite gibt es die Reihe der glücklichen Musiker, die völlig unverhofft zu späten Filmehren kommen, weil ein Regisseur oder sein Musikspezi ihre Songs zur Untermalung auswählen. Strenggenommen gehört das zwar nicht mehr zum Thema Filmkomposition, doch um einen auf diese Weise entstandenen Erfolgs-Soundtrack ranken sich so schöne Legenden, dass man sie einfach erzählen muss: Um sich die langatmige Arbeit beim Sichten endloser Biker-Aufnahmen bei „Easy Rider“ (1969) zu versüßen, überspielte Cutter Donn Cambern wahllos Rocksongs, die er gern mochte, auf die Tonspuren, bis alle Aufnahmen mit Musik unterlegt waren. Ob das stimmt oder die Musikvorschläge – wie in anderen Quellen behauptet – von Peter Fonda oder Regisseur Dennis Hopper stammten, sei dahingestellt. Auf jeden Fall entschieden die Verantwortlichen, die während der Produktion provisorisch benutzten Tracks tatsächlich in den Film zu übernehmen – zumal die für den Score eingeplanten Crosby, Stills & Nash nach Sichtung eines Rohschnitts versicherten, dass sie an der Musik auch nichts mehr verbessern könnten. Es sollte ein teures Vergnügen werden: Die Lizenzgebühren überstiegen mit einer Mio. US-$ bei weitem das eigentliche Filmbudget. Gut, dass sie das Geld in die Hand genommen haben: Die „Easy Rider“-Klänge sind auch heute noch ein Hochgenuss und mit ihrer ungeschliffenen Art eine willkommene Abwechslung zum hochglanzpolierten Hollywood-Blockbuster-Sound aus den Computern von Hans Zimmer und Kollegen. [Gerald Arend]

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