Teure Katastrophen der Filmgeschichte

WEIL LIZ ES WILL, LIEGT LONDON AM NIL

Einen schier unglaublichen Kraftakt legte Werner Herzog bei „Fitzcarraldo“ (1983) hin, in dem ein exzentrischer Abenteurer (Klaus Kinski) versucht, mitten im Dschungel einen Flußdampfer über einen Berg zu ziehen. Perfektionist Herzog wollte keine Tricktechnik und machte ernst: Von zahllosen Indios ließ er mitten im Regenwald von Peru ein 320-Tonnen-Schiff aus dem Fluß hieven, während bei Kinski immer wieder sämtliche Sicherungen durchbrannten. Einer der Indianer soll Herzog damals angeboten haben, Kinski für ihn um die Ecke zu bringen. Wer dessen filmisch dokumentierte Wutausbrüche gesehen hat, hegt Sympathien für den Plan.

Profi-Pechvogel Terry Gilliam am Set von „The Man Who Killed Don Quixote“ – hier schon mit wenig optimistischem Blick

Zickige Darsteller können ein Projekt tüchtig ins Schleudern bringen, für richtig gepflegtes Chaos sollten aber bitte alle aneinander vorbeiwerkeln. Wie das geht, zeigten die Fox-Studios mit „Cleopatra“ (1963). Solide zwei Mio. US-$  waren für den Historienschinken veranschlagt, doch ehe die erste Klappe fiel, war schon das Doppelte verpulvert. Scripts und Bauten wurden nicht fertig, Schauspieler und Regisseur mussten getauscht werden. Die damals 30-jährige Hauptdarstellerin Liz Taylor erkrankte gleich zweimal schwer, was für weitere Verzögerungen sorgte. Weil die für eine Rekordgage von einer Mio. US-$ engagierte Diva ihre Barschaft vor dem Fiskus retten wollte, durfte nicht in den USA gedreht werden – und so mussten die Pinewood-Studios bei London als Ägypten-Ersatz herhalten. Dort färbte man Millionen Liter von Themsenwasser blau ein, sah dem Papppalast dabei zu, wie er im feuchten Inselwetter zerbröselte und verpasste dem trüben englischen Himmel mit über 1,5 Megawatt Kunstlicht die gleißende Strahlkraft der afrikanischen Wüstensonne. All diese Aktionen sollten sich auf ungeheuerliche 37 Mio. US-$ aufaddieren – doch tatsächlich schaffte es das Breitwand-Epos, diese Rekordsumme binnen drei Jahren wieder einzuspielen.

 

TERRY GILLIAM – DIE LEBENDE PECHSTRÄHNE

Der aktuell amtierende Monarch auf dem Katastrophen-Thron ist einer, dem der Sinn gar nicht nach solchen Mega-Millionen und Mainstream steht: Terry Gilliam. Was immer er auch anfasst – es soll ihm zumindest nicht ohne weiteres gelingen. Sein frisch gestarteter Sci-Fi-Thriller „The Zero Theorem“ war eigentlich mit Billy Bob Thornton als Star geplant, doch der stieg kurz vor Produktionsstart in 2009 aus. Den Dreh in London wollte er sich wegen seiner Antiquitätenphobie (!) nicht zumuten. Verschimmeltes englisches, schottisches, französisches Interieur, verstaubte alte Vorhänge und große Tische mit Löwenkopfschnitzereien gruseln ihn, wie er der New York Times in einem Interview gestand. Nur Kinkerlitzchen nach Gilliam‘schen Maßstäben – schließlich konnte er den Film mit anderer Besetzung (Christoph Waltz) ja doch fertigstellen. Der ehemalige Monty-Python-Mann ist ganz anderen Kummer gewohnt: Mitten während der Dreharbeiten seines Fantasy-Films „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ stirbt unvermittelt Hauptdarsteller Heath Ledger im Januar 2008 an einem tödlichen Cocktail aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln. Terry Gilliam verkündet zunächst das Aus für den Film, ersinnt dann aber einen regelrecht magischen Kniff, verpflichtet die „Ersatz-Stars“ Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell und bringt den Film 2009 doch noch ins Kino.

Der große Heath Ledger in seiner letzten Leinwandrolle in „Das Kabinett des Dr. Parnassus“

Bleibt abzuwarten, ob das auch seinem Magnum Opus „The Man Who Killed Don Quixote“ irgendwann vergönnt sein wird. Nach zehn Jahren Vorbereitung starteten die Dreharbeiten zu dem Crossover aus Weltliteratur und Zeitreise-Sci-Fi im Oktober 2000 in Spanien. Doch die Finanzierung wackelte, und der rege Flugverkehr eines nahen NATO-Luftwaffenstützpunkts machte Aufnahmen fast unmöglich. Bald zog in der sonst staubtrockenen Region Regen auf und ein Unwetter verwüstete die Landschaft so stark, dass bereits fertige Shots wegen der Continuity unbrauchbar wurden. Don-Quichote-Darsteller Jean Rochefort durfte wegen einer Prostata-Erkrankung nicht mehr reiten. Terry Gilliam musste den Stecker ziehen – zu sehen in der preisgekrönten Doku „Lost In La Mancha“ (2002), die das während der Dreharbeiten entstandene Backstage-Material zu einer intimen Geschichte des Scheiterns verdichtet.
2006 verkündete Gilliam, dass er mit Robert Duvall als Don Quichote einen neuen Anlauf wagen wollte. Im Januar 2009 begann er, das Script komplett umzuschreiben, wegen Terminproblemen bei Co-Star Johnny Depp sollte der Dreh dann 2010 weitergehen. Weil der Superstar dem Projekt aus Termingründen indirekt einen Korb gab, sagte im Mai 2010 Ewan McGregor als Ersatz zu. Doch dann bekamen die Geldgeber im Sommer des gleichen Jahres kalte Füße – und so muss Terry Gilliam wohl oder übel weiter gegen die Windmühlen des kommerziellen Filmgeschäfts antreten, wenn sein Quichote nochmal in die Hufe kommen soll.

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